Nachruf auf Dr. Josef Huwyler
von Elisabeth Exner-Grave
Am 19. Dezember 2010 ist der Begründer der deutschsprachigen Tanzmedizin, Dr. med. Josef Huwyler, im Alter von 96 Jahren in seiner Heimatstadt Zürich gestorben.
Huwyler wurde zu Beginn des ersten Weltkrieges am 27. September 1914 in Zürich-Wiedikon geboren, wo sein Vater eine gut gehende Hausarztpraxis führte. Schon früh festigte sich in ihm der Wunsch, Arzt zu werden. Nach dem Abitur in der Kantonsschule Zürich 1934 immatrikulierte er sich für das Medizinstudium an der Universität Zürich. Kurz vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges absolvierte er das Wintersemester 1938/39 an der Universität Berlin, wo er Vorlesungen und Kurse namhafter Lehrkräfte wie Professor Sauerbruch, Gustav von Bergmann und Max de Crinis besuchte. Während dieser Zeit war Josef Huwyler in einer jüdischen Familie untergebracht und erlebte die Reichskristallnacht, die ihn zutiefst erschütterte. Er verhalf damals seinen Vermietern, einige Wertsachen außer Landes in der Schweiz sicher zu stellen und musste miterleben, wie ein Kommilitone bei einer solchen Transaktion vom deutschen Zoll erwischt und monatelang in deutscher Haft gehalten wurde.
1941 legte er erfolgreich das Staatsexamen als Humanmediziner ab und begann seine Weiterbildung zum Orthopäden in der renommierten Klinik Balgrist in Zürich, wo er zuerst als Assistent und später als Oberarzt der Orthopädie arbeitete. Zu den Schwerpunkten seiner Tätigkeit zählten die Behandlung der Kinderlähmung, des Schiefhalses, der ausgerenkten Hüfte und des Klumpfußes.
In den Jahren 1948 bis 1952 nahm er rege am Ärzteaustausch teil und profitierte von seinen Erfahrungen in führenden Kliniken in Deutschland, London, New York, Boston, Paris und Leiden.
1952 eröffnete er seine eigene Praxis als Spezialarzt für Orthopädie zunächst an der Talstraße, später an der Pfalzgasse in der schönen Altstadt Zürichs. In den 1970er Jahren machte er am Medical College in Wuhan, China, eine Ausbildung in Akupunktur und blieb auch privat der Traditionellen Chinesischen Medizin verbunden.
Huwylers Interesse an der Ballettmedizin begann Anfang der 60er Jahre, als er seine chirurgische Tätigkeit reduzierte. Zuerst nahm er Kontakt mit Justin Howse in London auf, der die Royal Ballet School medizinisch betreute. Er nahm an den medizinischen Untersuchungen der Aufnahmeprüfungen teil und hatte vor allem fruchtbaren Kontakt mit der Tanzpädagogin Joan Lawson von der Royal Academy of Dancing. Nach seinen in London erworbenen Kenntnissen führte Huwyler medizinische Eignungsuntersuchungen für den Tanz zunächst in der Schweiz ein; später war er ein gefragter Experte für Tanzmedizin im In- und Ausland und blieb langjährig als Konsiliararzt der staatlichen Ballettakademie, der John Cranko-Schule in Stuttgart, sowie der Hochschule für Tanz in Mannheim verbunden. 1992 erschien im Perimed Spitta Verlag sein erstes Buch „Der Tänzer und sein Körper – Aspekte des Tanzens aus ärztlicher Sicht“, das 2005 in erweiterter 3. Auflage unter dem Titel „Tanzmedizin – Anatomische Grundlagen und gesunde Bewegung“ im Huber Verlag Bern herausgegeben worden ist und in Kürze in einer 4. aktualisierten Auflage erscheinen wird - ein Standardwerk, das nahezu in jedem Bücherschrank von tanzmedizinisch tätigen Ärzten und Therapeuten, angehenden Tänzern und Tanzpädagogen zu finden ist.
Josef Huwyler war über seine Tätigkeit als Arzt hinaus bis ins hohe Alter als Dozent für Tanzmedizin an verschiedenen Ausbildungsstätten für den Tanz sowie als Referent auf medizinischen Kongressen und Symposien des Tanzes und der Tanzpädagogik gefragt.
Auch nach der Schließung seiner orthopädischen Praxis im Jahr 1999 nach nunmehr fast 60jähriger Tätigkeit übte er gelegentlich noch spezialärztliche Beratungen von Tänzern und Tänzerinnen aus und pflegte den geistigen Austausch mit Tänzern und Tanzmedizinern aus der ganzen Welt. Er wurde zum Ehrenmitglied zahlreicher Verbände und Institutionen berufen und unterstützte seit seiner Gründung in 1997 das deutschsprachige Netzwerk für Tanzmedizin, tamed e.V.
In seinem Aufnahmegesuch in die Freimaurer-Loge Anfang der 80er Jahre schrieb Josef Huwyler: „…ich möchte nach außen, im täglichen Leben, noch mehr als bisher, im Sinne echten Humanismus wirken können.“
Darin hat Josef Huwyler bis zu seinem Tod Wort gehalten.
